Für die diesjährige Produktion baut das Landschaftstheater Ballenberg eine Bühne inklusive Hospiz- und Granitkulissen. Hier finden die ersten Aussenproben für das Stück über den Tourismuspionier Peter Zybach statt, der den ersten Versicherungsbetrug der Schweiz beging.
Wer über den Grimselpass fährt, erblickt irgendwann zwischen Granitplatten und kargen Matten das Hospiz, Wahrzeichen und Zwischenstopp zwischen Wallis und Bern seit bald 900 Jahren. Das heutige Gebäude wurde vor rund 90 Jahren erbaut, also zur Zeit, als die grosse Staumauer entstand. Damals versank das ursprüngliche Hospiz unter dem Wasser und mit ihm auch die Geschichte von Peter Zybach. Der legendäre Grimselwirt liess das historische Hotel 1852 anzünden, um so an das Geld der Versicherung zu kommen.
Wahre Begebenheit
«Peter Zybach hat es tatsächlich gegeben, und die Geschichte vom Versicherungsbetrug ist wahr», betont Daniel Bill. Ihn kennt man unter anderem aus Karl’s kühne Gassenschau. In der diesjährigen Produktion des Landschaftstheaters Ballenberg verkörpert er den legendären Grimselwirt aus dem 19. Jahrhundert, der durch Fleiss und Tatendrang zu einem international bekannten Gastgeber wurde.
Auch das Ende der Geschichte, wo der Tourismuspionier das Hotel anzündet, um das Versicherungsgeld zu kassieren, ist wahr. Andererseits gibt es auch erfundene Handlungen: «Mit der Liebesgeschichte im Stück haben die Co-Autoren Enrico Maurer und Atréju Diener Peter Zybach ein Doppelleben angedichtet», verrät Daniel Bill. Die Co-Autoren haben die Ereignisse rund um Peter Zybach aufwendig recherchiert und eigens für das Landschaftstheater Ballenberg in ein mitreissendes Theaterstück gegossen.
Ungewohnte Wege
Da die «Akte Zybach» sich um Versicherungsbetrug dreht und das Grimsel Hospiz in Flammen aufgeht, braucht es ein spezielles Bühnenbild. «Wir spielen nicht vor einem historischen Gebäude, sondern auf einer Simultanbühne mit Kulissen des Hospizes und des Grimselgranits», erklärt Simon Burkhalter. Der bekannte Berner Regisseur bringt den spektakulären Fall bildstark und schwungvoll auf den Ballenberg und verknüpft Landschaft, Musik und Schauspiel zu einem lebendigen und eindringlichen Bilderreigen. «Wer es nicht selbst erlebt, kann sich kaum vorstellen, wie gross die Flächen sind und wie viele Details es bei einem solchen Bühnenbild gibt», erzählt Zimmermann Toni Bachmann, der die Elemente mit seinem Team angefertigt und aufgebaut hat.
Auch wenn die aussergewöhnliche Bühne im Gelände unterhalb des Bauernhauses aus Villars-Bramard noch nicht ganz fertig ist, können das Laienensemble und die zwei hauptberuflichen Schauspieler bereits zwischen den Kulissen im Freien proben. Nebst Daniel Bill ist auch Reto Stalder dabei, ihn kennt man unter anderem aus der Fernsehserie «Der Bestatter».
«Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler sind seit vielen Jahren dabei und haben sehr grosse Erfahrung», meint der Jegenstorfer anerkennend. Die zwei bekannten Schauspieler und das über 25-köpfige Laienensemble aus der Region proben seit Anfang März gemeinsam mit Simon Burkhalter auf dem Ballenberg und lassen die vielschichtigen Figuren mit ihren berührenden Schicksalen immer lebendiger werden.
Slalom der Gefühle
Zu verinnerlichen gibt es nicht nur Text, sondern auch die ganze Skala der Gefühle, welche ein Qualitätsmerkmal des Landschaftstheaters Ballenberg darstellt. «Im Theater spannen die Gefühle einen grossen Bogen, und man folgt den unterschiedlichen Emotionen fast wie beim Slalom», so erlebt Reto Stalder die Zusammenarbeit mit dem Regisseur.
So wie die Emotionen während des Theatergeschehens wechseln, so tun es auch die äusseren Hüllen, sprich die Kostüme. Weil das Stück sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt, braucht es pro Person mehrere Gewänder. Sie veranschaulichen die gesellschaftlichen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts und unterstützen eine farbige und lebendige Inszenierung.
«Insgesamt sind es über hundert Kostüme, je mit drei bis vier Teilen», gibt Manon Criblez einen Einblick in die grossen Dimensionen hinter den Kulissen. Insbesondere für die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller wurden zusätzliche Kleider und Anzüge nach den Entwürfen der Kostümbildnerin in Paris und an anderen Orten konfektioniert.
So erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer die Geschichte eines Mannes, der alles hatte – und noch viel mehr verlor. Sie dürfen sich darauf freuen, das Freilichtmuseum Ballenberg auf neue Weise zu erleben. Zwar nicht mit dem Originalhospiz, das unter der Oberfläche des Stausees verweilt – aber mit einem packenden Einblick in eine Zeit und einen Schauplatz, wo der Tourismus im Berner Oberland eine erste und eindrückliche Blütezeit erlebte.