Mit «Akte Zybach» erzählt das Landschaftstheater Ballenberg die Geschichte des ersten grossen Versicherungsbetrugs der Schweiz. Doch wie wird aus wahren Begebenheiten ein packendes Theaterstück?
Wenn am 1. Juli auf dem Ballenberg die Scheinwerfer angehen für das Grimseldrama «Akte Zybach», dürfte nicht nur bei den Schauspielerinnen und Schauspielern des grossen Ballenberg-Ensembles Lampenfieber herrschen. Auch zwei Herren auf der Tribüne werden wohl mit leicht feuchten Händen und einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude auf die Freilichtbühne blicken. Die Rede ist vom Autorenduo Enrico Maurer und Atréju Diener, die das Stück eigens für das Landschaftstheater Ballenberg verfasst haben.
Doch wie entsteht ein solches Auftragswerk? Um an den Ursprung dieser Produktion zu gelangen, drehen wir die Uhr zurück – um ziemlich genau sechs Jahre. Im Corona-Sommer 2020 reiste Enrico Maurer, seit zehn Jahren Geschäftsführer des Breuninger Theaterverlags, nach Meiringen. Im Auftrag des Landschaftstheaters im Haslital machte sich der Autor und bestens vernetzte Theatermann auf die Suche nach Geschichten aus der Region.
«Während zwei Wochen sprach ich mit zahlreichen Einheimischen, die sich an überlieferte Erzählungen erinnerten – vom Geldfälscher bis zum liebestollen Pfarrer. Doch immer wieder fiel der Name Peter Zybach», blickt Enrico Maurer zurück.
Dass Peter Zybach bis heute präsent ist, erstaunt kaum. Der arme Bauernsohn arbeitete sich Mitte des 19. Jahrhunderts zum einflussreichen Wirt des Grimselhospizes hoch. Doch Zybach wurde Opfer seines eigenen Erfolgs. Als seine Pacht nicht verlängert werden sollte, fasste er einen folgenschweren Entschluss: Er inszenierte einen Brand und beging damit den ersten grossen Versicherungsbetrug der Schweiz.
«Zybachs Geschichte liess mich nicht mehr los. Mir war schnell klar, dass dieser Stoff enormes Potenzial für ein Theaterstück hat und perfekt auf den Ballenberg passt», sagt Enrico Maurer. Dieser Einschätzung schlossen sich auch die Verantwortlichen des Landschaftstheaters an.
Für die Erarbeitung des Stücks holte sich Enrico Maurer mit Atréju Diener einen der meistgespielten Schweizer Autoren der letzten Jahre an seine Seite. Das Duo hatte bereits zuvor erfolgreich zusammengearbeitet. «Wir haben einen ähnlichen Humor und inspirieren uns gegenseitig – ein echter Glücksfall. Es matcht einfach», sagt Atréju Diener.
Während des Schreibprozesses stimmten sie sich immer mit Regisseur Simon Burkhalter sowie vom Ballenberg-OK ab. «Wir wollten nicht einfach irgendein Stück hinstellen, sondern eines, das zu 100 Prozent zum Landschaftstheater Ballenberg passt. Ich denke, das ist uns gelungen», so Enrico Maurer.
Ziel sei es gewesen, ein Freilichttheater zu schaffen, das alles vereint: Spannung von der ersten Minute an, kraftvolle Bilder in der einzigartigen Kulisse des Ballenbergs, berührende Momente – aber auch humorvolle Figuren, die zum Schmunzeln anregen. Im Zentrum steht dabei ein zeitloses Thema: die Gewinnsucht als grosse Stärke und zugleich verhängnisvolle Schwäche von Peter Zybach.
Die historischen Ereignisse dienten den Autoren als Grundlage, doch sie nahmen sich bewusst künstlerische Freiheiten. «Unsere Schreibphilosophie ist es, das Publikum in den Bann zu ziehen und zu unterhalten. Wir nehmen die Fakten als Eckpfeiler, dramatisieren die Geschichte aber so, dass sie auf der Bühne funktioniert – und nicht zum Dokumentationstheater verkommt», sagt Atréju Diener.
Text: Theaterzytig
Bild: zvg
Erschienen: 27. Mai 2026