Bild aus den Proben der Theaterkomödie "Rent a Family" oder "Tante Jutta aus Kalkutta" eine Neubearbeitung von Atréju Diener, gespielt von der Reussbühne Bremgarten.

«Das Stück passt zu uns, wie die Faust aufs Auge»

Mit «Rent a Family» meldet sich die Reussbühne nach der Coronapause zurück. Der Dreiakter präsentiert sich so, wie man das von Aufführungen des bunten Theatertrüppchens kennt: als kolossalen Angriff auf die Lachmuskeln.

 

Im Pfarreizentrum geht es fidel zu und her. Eben ist im grossen Tohuwabohu der Ballonbusen von Scheinehefrau Louis Nicollier alias Adrian Belser geplatzt. Sämtliche Anwesende krümmen sich vor Lachen. Auf dem einen oder anderen Gesicht sind gar Tränen auszumachen. Und zufällige Passanten der Stadtkirche dürften sich an diesem regnerischen Herbstabend angesichts der gewiss weit durch die Unterstadt hallenden Heiterkeit zu Recht fragen: Was zum Teufel geht hier eigentlich vor sich?

 

Ein Klassiker, neu aufgelegt

 

Nun, im kleinen «Proberaum» (eigentlich ein gemütliches Aufenthaltszimmer der Kolpingfamilie) wird seit April von der Reussbühne Bremgarten die Komödie «Rent a Family» einstudiert. Die Überarbeitung des Klassikers «Tante Jutta vo Kalkutta» ist ein Schwank in drei Akten mit zahlreichen irrwitzigen Wendungen, Verwechslungen und Schwindeleien. Sie handelt vom Pflichtverteidiger Thomas Nägeli, der sich seinen teuren Lebenswandel von einer reichen, weit entfernt in Indien wohnenden Erbtante finanzieren lässt, die er im Glauben lässt, damit eine Familie durchfüttern zu müssen. Das geht lange gut. Doch eines Tages steht unvermittelt die Tante vor der Tür. Wo bekommt Nägeli nun so schnell die Protagonisten für sein Lügengebilde her?

 

Die rund 90-minütige Antwort auf diese Frage ist ausgesprochen lustig, heiter, bunt und voll komischer Überraschungen. «Das Stück passt damit zu uns wie die Faust aufs Auge», sagt Adrian Belser, neben Schauspieler auch Präsident der Reussbühne. «Humor steht für uns absolut an erster Stelle. Alles andere ist zweitrangig.» Damit unterscheidet man sich etwa vom Kellertheater, dessen tiefgründigere Inszenierungen vom Publikum mehr Verstandeskraft erfordern.

 

Wer ein Stück der Reussbühne besucht, soll sich dagegen amüsieren und nicht studieren. «Das war seit jeher unsere Philosophie. Deshalb spielen wir Theater. Schliesslich ist das Leben und die Weltlage sonst ernst genug. Davon wollen wir den Leuten einen Abend lang Abstand und Abwechslung bieten.»

 

Demokratie statt Regie

 

Der Theaterverein «Reussbühne», der 2016 aus dem kirchlichen Gesellenverein Kolping hervorging, zählt heute 18 Mitglieder. Zehn von ihnen beteiligen sich aktiv an der neusten Inszenierung nach zwei Jahren Pandemieunterbruch. Eine Regie im klassischen Theatersinn gibt es beim heiteren Bremgarter Trüppchen nicht. «Bei uns geht es locker und demokratisch zu und her», sagt Belser. Das merkt man auch während der Proben. Verbesserungsvorschläge und Hinweise kommen von allen. Und jeder ist mit Leib und Seele dabei, auch wenn er gerade keinen Auftritt hat. Zu Pointen etwa wird jeweils lautstark gelacht, als höre man sie zum ersten Mal. «Das macht uns aus. Dadurch, dass auch die Proben stets familiär und wahnsinnig witzig sind, kommen alle immer gerne und tragen zu einer heiteren Atmosphäre bei, die zum Einstudieren einer Komödie unabdingbar ist.»

 

Erstmals im Casino

 

Das Resultat dieses fast sechs Monate gemeinsamen Optimierens des Lacherlebnisses ist morgen Mittwoch anlässlich der Premiere von «Rent a Family» ein erstes Mal im Casino zu erleben. Während die Reussbühne in den vergangenen Jahren für ihre Auftritte stets bei der St. Josef-Stiftung zu Gast war, wagt man heuer erstmals den Sprung ins Casino. Natürlich auch gezwungenermassen – wird doch der Mehrzweckraum der St. Josef-Stiftung während des Umbaus des dortigen Zentralbaus momentan als provisorisches Restaurant JoJo zwischengenutzt.

 

Bild aus den Proben von der Reussbühne Bremgarten, die die Komödie "Rent a Family" aufführen, eine Neubearbeitung von Atréju Diener.

«Das Casino ist für uns alle natürlich eine grosse Herausforderung», sagt Marc Döderlein, der als Thomas Nägeli im aktuellen Stück die Hauptrolle spielt. «Die Dimensionen auf der Bühne sind riesig im Vergleich zu dem, was wir kennen. Und die Technik und das Equipment ein wesentliches Stück professioneller.» Gerade im Vergleich mit dem Proberäumchen des Pfarreizentrums sind das Bedingungen wie Tag und Nacht. Und um sich darauf einzustellen, blieben den Schauspielern gerade einmal ein paar Tage und wenige Proben. «Um die Grössenverhältnisse und Abstände grob einschätzen zu können, haben wir deshalb vorgängig auch mal im Freien geprobt.»

 

Vorverkauf läuft hervorragend

 

Auch aus finanzieller Sicht sind die Dimensionen des Casinos für den kleinen Theaterverein etwas Neues – und bargen durchaus ein gewisses Risiko. «Die Miete ist hier ein Vielfaches höher», sagt Belser. «Deshalb brauchen wir auch entsprechend mehr Zuschauer, um die Auslagen wieder wettzumachen.» Zum Glück für die Reussbühne ist aber der Vorverkauf hervorragend angelaufen. «Wir haben schon gut drei Viertel aller veranschlagten Tickets verkauft», lächelt der 44-Jährige. Dennoch brauche ziemlich sicher niemand leer auszugehen. «Im Falle eines ‹Ausverkaufs› hätten wir die Möglichkeit, noch spontan zusätzlich aufzustuhlen. Das ist einer der grossen Vorteile im Casino.»

 

Angesichts von vier Vorstellungen vor jeweils über 200 Zuschauern, wächst auch bei den Schauspielern der Reussbühne langsam die Anspannung. «Es chrüselet scho bizzli mittlerwiile», gibt Belser zu. Doch eine gewisse Nervosität gehöre einfach dazu, wenn man Theater spiele. Und überhaupt: Bekanntlich gibt es kaum ein besseres Rezept zum Spannungsabbau als herzhaftes Lachen. Und davon gibt es rund um die bunte Gruppe von der Reussbühne wahrlich mehr als genug.

Text und Bild: Marco Huwyler, Bremgarter Bezirksanzeiger

Erschienen: 21. September 2022

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